Bewusst sein - Jeder in seinem Tempo

Ich gebe zu, Danu und ich haben öfter mal eine Beziehungskrise. Im menschlichen Sprachgebrauch haben wir so etwas ähnliches wie eine On-Off-Beziehung.

Letzte Woche war wieder besonders schlimm. Er ist drinnen meist unauffällig, ruhig und schläft viel, außer er hört ein unbekanntes Geräusch draußen, dann wird Alarm geschlagen.

Sobald wir aber draußen sind kommt sein zweites Gesicht zum Vorschein. Er ist nervös, hibbelig, tänzelt auch bei minus drei Grad hechelnd neben mir her und der Kopf geht in einem Wahnsinnstempo in alle Richtungen. Es ist anstrengend und nervenaufreibend, weil er auch in keinster Weise mehr ansprechbar ist. Der sonst so feine, sensible Hund verwandelt sich auf dem Feldweg in einen groben Holzklotz und man wünscht sich einen Holzhammer, um an ihn ran zu kommen.

In den letzten Tagen habe ich mir viele Gedanken gemacht. Danu wird im Juli sechs Jahre alt und ich möchte nicht unser ganzes gemeinsames Leben in diesem Auf und Ab verleben.

Nach einigen Überlegungen kam es mir in den Sinn, dass wir Menschen auch unser eigenes Tempo haben, in dem wir Dinge lernen und auch verarbeiten. Ich war in der Schule gut in Deutsch und Englisch, aber Mathe, Physik und Rechnungswesen waren ein Horror für mich. Während ich für Englisch fast gar nichts lernen musste, habe ich stundenlang für die Fächer gebüffelt und habe trotzdem nur mit viel Glück eine Drei geschafft.

Warum soll es nicht auch Hunden so gehen? Manche lernen schneller, manche brauchen länger und manche sehen einfach keinen Sinn in bestimmten Dingen – so wie ich bei manchen Kapiteln der Mathematik.

 

 

Warum gehen wir Menschen nicht einfach mit mehr Bauchgefühl auf die einzelnen Bedürfnisse unserer Hunde ein? In Danu’s Fall ist es eben kein langer und weiter Spaziergang, sondern ein kurzer, langsamer mit vielen Pausen. In Ruhe die Geräusche des Waldes verarbeiten. In Ruhe die Wiese erkunden. Die Krähen beobachten und nicht mit einem Abbruch hektisch daran vorbei, dass er nicht auf die Idee kommt sie zu jagen. 

Auch mit dem Risiko, dass sich Benja und Kobold in der Zeit langweilen, werde ich das Tempo wieder rausnehmen und ihm die nötige Zeit lassen, seine Welt zu beobachten und die Informationen der Umwelt langsam zu sortieren und zu verarbeiten.

Ob es Benja und Kobold gegenüber unfair ist? Nein, das finde ich nicht. Sie können in der Zwischenzeit lernen, dass man sich auch mal zurücknehmen kann, dass man auch mal warten kann und dass auch mal nichts passiert. Für Benja ist das nicht schlimm, sie kann das richtig gut. Für Kobold wird es eine Herausforderung, weil er einfach immer schnell und in Bewegung sein muss. Vielleicht tut es ihm auch gut, einfach mal den Fuß vom Gas zu nehmen und zu entschleunigen. Auch er kann lernen, dass man Zeit und Raum nicht unbedingt in Strecke, sondern auch in Ruhe erkunden kann.

In einem Workshop zum Thema Centered Riding - Reiten aus der Körpermitte wurde mir bewusst, dass es nicht nur bei der Arbeit mit dem Pferd wichtig ist bei sich zu sein. Man kann die Grundsäulen des Centered Riding für die Arbeit und das Leben mit Hund nehmen.  

1. Bewusstes Atmen vergisst man sehr häufig, vor allem, wenn der Todfeind des Hundes zum Duell auf dem Feldweg aufruft. Wie schnell hält man die Luft an und nimmt die Leine straff? Wie wenig macht man sich dagegen Gedanken wie das auf den Hund wirkt?

2. Bei sich sein, eine klare Absicht haben. Auch ein Thema, das - zumindest für mich - sehr schwer ist. Nicht daran zu denken, was man noch erledigen muss. Das Piepsen des Handys zu ignorieren oder im Kopf den Einkaufszettel zu verfassen. Hunde leben im Hier und Jetzt, aber für uns Menschen ist das wirklich schwer. Wir Menschen haben meist das Motto: Mind full statt mindful.

3. Den eigenen Körper zu spüren, sich selbst zu fühlen. Für den Menschen auch etwas, das man gerne in den Hintergrund schiebt. Meist merkt man eine Verschiebung erst, wenn es zwickt und zwackt und man sich ganz schnell einen Termin bei der Massage wünscht. Warum hört man nicht regelmäßig in sich hinein, warum spürt man seinen Körper nicht bewusst? Bei den Hunden denkt man daran und gymnastiziert sie, macht Aufwärmübungen und lässt sie nicht von null auf hundert durchstarten. Machen wir das als Mensch auch?

4. Der Blick. Auch etwas, mit dem wir unsere Hunde steuern, aber auch verunsichern können. Ist euch schon einmal aufgefallen, wie eure Hunde reagieren, wenn ihr ein Ziel ganz klar im Auge habt und direkt darauf zusteuert? Bei uns ist es so, dass Kobold ohne Zögern folgt, Benja etwas irritiert ist und Danu ist komplett von der Rolle. Ohne nach links und rechts zu schauen einfach auf ein Ziel zuzugehen, das macht ihn total nervös. Wie geht es euch dabei, wenn ihr einfach starr auf einen Punkt blickt und mit Tempo dorthin geht? Viele Dinge übersieht man. Egal, ob es eine schöne Blume ist oder aber auch andere Spaziergänger oder das ein oder Tier wie Reh und Hase. Mit einer klaren Absicht nach vorne zu blicken, aber auch das Drumherum im Augenwinkel zu haben ist eine große Herausforderung, die auch wieder mit dem ersten Punkt, dem bewussten Atmen gekoppelt ist.

5. Sich erden, sich selbst bewusst sein. Auch einmal seine Füße zu spüren. Einen Stand haben. Auch das ist wichtig, um beim Hund glaubhaft zu sein. Wenn ich keinen Stand bzw. Standpunkt habe, wie soll mein Hund mir glauben, dass ich in der Lage bin, Situationen zu erkennen und auch zu regeln?

6. Den Körper zentrieren. Dieser letzte Baustein ist etwas schwer zu erklären. Beim Reiten sollte alles in einer Linie sein vom Scheitel bis zur Sohle. Dies auf einen stehenden Menschen umzudenken ist etwas schwer. Ich verbinde es damit, dass ich einen Stand und somit einen Standpunkt habe. Dass mein Körper in einer Achse ist und ich gerade, aber nicht steif stehe und laufe.

 

So, das war jetzt ganz viel auf einmal, aber es ist alles, was mich im Moment beschäftigt. Beobachtet euch doch mal beim Spazierengehen. Es wäre toll, wenn ihr von euren Erfahrungen berichtet.

 

Tausend Dank an Julia Kellner (Centered Riding Instructor) von Julia’s Ponyranch für einen tollen Workshop und der Erkenntnis, dass man Centered Riding auf alle Bereiche des Lebens anwenden und auch sehr gut im Umgang mit Hunden umsetzen kann.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0